EU einigt sich mit Indien auf massiven Zollabbau
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Die Europäische Union und Indien haben Ende Januar nach fast 20 Jahren Verhandlungen ein umfassendes Freihandelsabkommen abgeschlossen, das einen weitreichenden Zollabbau, den Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen und eine engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit vorsieht. Beide Seiten reagieren damit auf eine zunehmend von Konflikten und internationalen Handelsverwerfungen geprägte Weltwirtschaft: Indien ist besonders stark von den hohen US‑Zöllen betroffen, die unter der Präsidentschaft Donald Trumps verhängt wurden. Der Zugang zum US‑Markt wurde für indische Hersteller dadurch – etwa in der Textilindustrie – erheblich erschwert. Die EU wiederum sieht in der Handelspolitik zunehmend auch ein geopolitisches Instrument, um Absatzmärkte zu diversifizieren und Abhängigkeiten zu verringern. Die Annäherung erfolgt somit aus gegenseitigem Interesse an verlässlichen Partnern und neuen wirtschaftlichen Chancen.
Verhandlungen seit 2007
Historisch war Indien über Jahrzehnte stark protektionistisch ausgerichtet und öffnete seine Wirtschaft erst 1991 in größerem Umfang. Danach intensivierte sich auch die Beziehung zur EU; seit 2004 verbindet beide Seiten eine strategische Partnerschaft. Die eigentlichen Freihandelsgespräche begannen 2007, kamen lange nur schleppend voran und erhielten erst ab 2022 neuen Schwung – einerseits aufgrund des robusten indischen Wirtschaftswachstums, andererseits durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der die EU zusätzlich motivierte, ihre Handelspolitik global breiter aufzustellen. Gegenwärtig ist Indien der neuntwichtigste Handelspartner der EU; rund 800.000 Arbeitsplätze in Europa hängen am bilateralen Güter- und Dienstleistungsverkehr.
Zölle fallen
Kern des neuen Vertrags ist ein massiver Zollabbau in mehreren Etappen. Die EU wird die Zölle auf über 90 Prozent der aus Indien eingeführten Waren abschaffen oder deutlich senken, während Indien auf rund 30 Prozent der EU‑Importe keinerlei Abgaben mehr erheben wird. Für europäische Unternehmen ergeben sich dadurch potenzielle jährliche Einsparungen von bis zu vier Milliarden Euro. Besonders bedeutsam ist die Öffnung des indischen Automarktes: Die bisher extrem hohen Einfuhrzölle von 110 Prozent sollen im Verlauf von fünf bis 15 Jahren auf 10 Prozent sinken, wenngleich dies nur für eine limitierte Menge von 250.000 Fahrzeugen jährlich gilt, darunter 90.000 Elektroautos. Auch für Maschinen, Chemikalien und Pharmaprodukte werden indische Zölle schrittweise abgeschafft.
Im Gegenzug gewährt die EU Indien einen weitreichenden sofortigen Marktzugang für arbeitsintensive Güter wie Textilien, Lederwaren, Schuhe, Tee, Kaffee, Gewürze, Edelsteine, Schmuck sowie ausgewählte Meeresprodukte. Für indischen Stahl legt die EU eine zollfreie Einfuhrquote von 1,6 Millionen Tonnen fest. Gleichzeitig bleibt der europäische CO₂‑Grenzausgleich (CBAM) bestehen; die EU bietet jedoch finanzielle und technische Unterstützung, um indische Unternehmen beim Übergang zu CO₂‑ärmeren Produktionsformen zu unterstützen.
Landwirtschaft – ein heikles Thema
Große Teile der Landwirtschaft sind bewusst von dem Abkommen ausgenommen, da der Sektor in beiden Regionen politisch sensibel ist. Für Produkte wie Rindfleisch, Hühnerfleisch, Reis, Zucker, Milchpulver oder Ethanol bleiben daher die bisherigen Zölle bestehen. Innenpolitisch ist dies für Indien durchaus brisant, da fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung – rund 280 Millionen Menschen – im Agrarsektor tätig ist. Die EU wiederum will Konflikte mit europäischen Bauern vermeiden, die bereits gegen andere Handelsabkommen wie das EU‑Mercosur‑Abkommen protestiert hatten. Immerhin pro-fitieren europäische Agrarbetriebe durch sinkende Zölle auf Wein, Spirituosen, Bier und verarbeitete Lebensmittel: So sinkt der Zoll auf Wein aus Europa sofort von 150 auf 75 Prozent und später auf 20 Prozent, während der Bierzoll von 110 auf 50 Prozent fällt. Für Olivenöl sowie zahlreiche verarbeitete Agrarprodukte, die bisher mit bis zu 50 Prozent belastet waren, werden die Abgaben vollständig aufgehoben. Für einzelne Agrarerzeugnisse auf beiden Seiten gelten künftig begrenzte Einfuhrkontingente.
Auch im Dienstleistungsbereich sieht das Abkommen weitreichende Öffnungen vor. Die EU spricht von einem privilegierten Zugang für europäische Unternehmen in indischen Schlüsselbranchen wie Finanzdienstleistungen und Seeverkehr. Im Gegenzug erleichtert die EU hochqualifizierten indischen Arbeitskräften, insbesondere Studierenden und Fachkräften in der IT‑Branche, den Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt. Dies ist für viele indische Familien besonders attraktiv, da die USA in den vergangenen Jahren die Visavergabe deutlich verschärft haben.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Intensivierung der Klima- und Arbeitsschutzkooperation. Das Abkommen enthält Kapitel, die Umweltschutz, Nachhaltigkeit und die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten stärken sollen. Zudem wird eine gemeinsame Plattform für Klimaschutz eingerichtet. Die EU und Indien verpflichten sich zur Umsetzung des Pariser Abkommens und zur Zusammenarbeit bei CO₂‑intensiven Industriezweigen.
Sicherheit und Verteidigung
Über den ökonomischen Rahmen hinaus vereinbarten beide Seiten ein Sicherheits- und Verteidigungsabkommen, das engere Kooperationen in Bereichen wie maritimer Sicherheit, Cybersicherheit, Rüstungstechnologie und der Abwehr hybrider Bedrohungen umfasst. Europa möchte Indien als Partner langfristig stärker binden, während Indien seine Strategie der „strategischen Autonomie“ fortsetzt – also enge Kooperationen mit vielen Partnern ohne feste Blockanbindung. Für Indien ist das Abkommen ein deutliches Signal, dass es neben den USA weitere verlässliche Partner hat und international an wirtschaftlichem Gewicht gewinnt.
Wachstumsperspektiven
Ökonomische Studien prognostizieren erhebliche Wachstumsimpulse. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt, dass sowohl das EU‑ als auch das indische BIP dauerhaft um rund 0,12 bis 0,13 Prozent pro Jahr steigen könnten, was für die EU einem zusätzlichen jährlichen Wirtschaftsvolumen von etwa 22 Milliarden Euro entspricht. Der bilaterale Handel könnte um bis zu 65 Prozent zulegen. Zudem erwarten Analysten eine Handelsumlenkung zulasten Chinas, da europäische und indische Unternehmen durch die Zollsenkungen verstärkt miteinander Handel treiben werden.
Das Abkommen muss nun noch rechtlich geprüft, von den EU‑Mitgliedstaaten und anschließend vom Europäischen Parlament ratifiziert werden. Dieser Prozess wird voraussichtlich rund ein Jahr dauern. Trotz offener Punkte – etwa bei geografischen Herkunftsangaben – gilt die Einigung als großer Erfolg der europäischen Handelspolitik. Nach EU-Angaben handelt es sich um die höchsten Zollsenkungen, die Indien je einem Handelspartner gewährt hat. Für Indien ist das Abkommen ein Meilenstein auf dem Weg zu seinem Ziel, bis 2047 eine vollständig entwickelte Wirtschaftsmacht zu werden.