Die duale Ausbildung verliert an Boden
Beitrag für den Newsletter Finanzbildung mit Wissen rund um Wirtschafts- und Geldthemen
Immer wieder wird die duale Ausbildung als eine besondere Stärke Deutschlands bzw. des deutschen Wirtschafsstandortes hervorgehoben. Ihre Besonderheit: Sie verbindet die Praxis im Betrieb mit der Theorie in der Berufsschule und integriert Auszubildende direkt in die Arbeitsprozesse, wodurch sie Gehalt verdienen und gleichzeitig einen bundesweit anerkannten Abschluss erwerben. Die typische Ausbildung bei einem Unternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung dauert zwischen zwei und drei Jahren.
Zahl der Auszubildenden rückläufig
Wie einer neuen, noch unveröffentlichten Analyse von KfW Research entnommen werden kann, über die die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet hat, ist die Zahl der Auszubildenen über die vergangenen 15 Jahre allerdings deutlich zurückgegangen. 2024 befanden sich demnach rund 1,2 Millionen Menschen in einer dualen Ausbildung – 19 Prozent weniger als noch im Jahr 2010. Als Hauptgründe nennen die Autoren der Studie den demografischen Wandel mit sinkenden Schülerzahlen sowie die wachsende Neigung vieler junger Abiturienten, ein Studium statt eine Ausbildung zu beginnen. Das Interesse an einer Ausbildung habe sich trotz vieler Kampagnen kaum erholt, heißt es.
Gerade bei mittelständischen Unternehmen, in denen mehr als 90 Prozent der Azubis beschäftigt sind, sinkt die Ausbildungsbereitschaft. Waren es im Jahr 2010 noch 12 Prozent der Mittelständler, die mindestens einen Lehrling eingestellt hatten, ist diese Zahl 2024 auf nur noch 9,1 Prozent gesunken. Viele Betriebe hätten steigende Energiepreise, Inflation und Unsicherheiten nach der Pandemie von neuen Verträgen abgehalten.
Für das Ausbildungsjahr 2024/25 wurden insgesamt 477.000 betriebliche Ausbildungsstellen gemeldet. Das waren 5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum und die geringste Zahl seit über 10 Jahren. Dieser Zahl standen wiederum 444.000 gemeldete Bewerberinnen und Bewerber gegenüber, womit rund 32.000 mehr betriebliche Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber gemeldet waren.
Fast jeder fünfte ohne Abschluss
Dennoch waren am 30. September 2025 noch 40.000 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt (9 Prozent). Das war ein Anstieg von 9.000 im Vergleich zum Vorjahr und gleichzeitig die höchste Zahl seit 2007. Relativ häufig unversorgt sind vor allem junge Menschen ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss, ausländische junge Menschen oder auch Altbewerberinnen und Altbewerber. Da diese Entwicklung nun schon länger andauert, sind die Folgen für den Arbeitsmarkt unübersehbar: Rund 19 Prozent derjenigen 20‑ bis 34-Jährigen in Deutschland, die nicht studieren bzw. ihr Studium abgeschlossen haben, besitzen derzeit keinen Berufsabschluss. Ein Grund hierfür ist auch das Angebot an einfachen Helferjobs, die durch höhere Mindestlöhne kurzfristig attraktiver geworden sind, obwohl sie meist keine längerfristige Perspektive bieten.
Mangelnde Eignung vieler Bewerber
Ganz allgemein klagen viele Betriebe über eine mangelnde Eignung der Bewerber. Laut KfW unterschreiten derzeit rund 34 Prozent der Neuntklässler die Mindeststandards im Fach Mathematik, was die Voraussetzungen für viele Berufe verschlechtert. Nach Angaben der Deutschen Industrie‑ und Handelskammer beklagt fast jeder zweite Betrieb Defizite bei Ausdruck, Rechnen, Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft. Die meisten Expertinnen und Experten sind sich einig darüber, dass insbesondere die Basiskompetenzen gestärkt werden müssen.
Darüber hinaus sehen die Autoren in der Durchlässigkeit zwischen Studium und Lehre ungenutzte Chancen. Da knapp 30 Prozent der Studenten ihr Bachelorstudium abbrechen, weil häufig ihre hohen Erwartungen nicht mit der Realität übereinstimmen, könnten gezielte Informations- und Beratungsangebote helfen, jungen Menschen früh eine fundierte Bildungsentscheidung zu ermöglichen. Zum vollständigen Bild gehört auch, dass die Ausbildung noch immer unter einem Imageproblem leidet. In sozialen Medien gelte der Erfolg im Influencer‑ oder Büroleben als Ideal. Akademische Wege erscheinen vielen komfortabler und besser mit Work‑Life‑Balance vereinbar als Schichtdienste im Handwerk. Allerdings beginne sich dieses Bild zu wandeln, auch mit Blick auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz in den Ausbildungsunternehmen.