„German Angst“ – ein Standortnachteil?
Deutschland gilt als Land der Ingenieure, Tüftler und Perfektionisten. Und doch begleitet viele Entscheidungen ein leiser Zweifel: Was, wenn etwas schiefgeht? Dieses vorsichtige Abwägen, diese Angst vor dem schweren Kalkulierbaren wird häufig unter dem Schlagwort „German Angst“ zusammengefasst. Es beschreibt die Tendenz zur Risikoaversion, welche weder eindeutig definiert noch wissenschaftlich einheitlich belegt ist.
Verschiedene historische Erfahrungen und kulturelle Faktoren können dabei eine Rolle spielen und sich bis heute wie ein unsichtbarer Filter auf politische, gesellschaftliche und technologische Entscheidungen auswirken.
German Angst gestern und heute
Ein Teil der wissenschaftlichen Literatur interpretiert die German Angst als Folge der traumatischen
Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und des daraus resultierenden Gefühls der Zukunftslosigkeit. In der anschließenden Nachkriegszeit wurde diese Unsicherheit durch den Ost-West-Konflikt und die Angst vor einem Atomkrieg weiter verstärkt. Neue Formen nahm die German Angst in den 1980er Jahren an: Waldsterben, Umweltkatastrophen und atomare Bedrohung dominierten die Debatten, Friedens- und Umweltbewegung machten diese Ängste sichtbar und politisch wirksam. Auch nach der Wiedervereinigung sind in (gesellschafts-)politischen Debatten immer wieder Ängste aufgegriffen und politisch ausgenutzt worden, exemplarisch hierfür stehen das Thema Gentechnik oder das Freihandelsabkommen TTIP. In jüngster Zeit mobilisieren extrem rechte Bewegungen Ängste etwa vor Migration oder Globalisierung. Die dabei heraufbeschworenen „Bedrohungen“ sollen ein Gefühl des Kontrollverlusts und das Verlangen nach Sicherheit durch Abgrenzung hervorrufen.
German Angst und Innovationen
Was bedeutet ein Phänomen wie German Angst nun für Wirtschaft, Innovationen und Technologieoffenheit?
Übermäßige Sicherheitsbedenken oder technologische Zurückhaltung sind natürlich kein rein deutsches Phänomen, Studien wie das Kulturmodell von Geert Hofstede zeigen allerdings, dass Deutschland im Unsicherheitsvermeidungsindex (UAI) hohe Werte aufweist. Ist dies ein Standortnachteil für die deutsche Wirtschaft?
Während Innovationen international häufig mit Begriffen wie „Mut zum Risiko“, „Disruption“ oder
„Fehlerkultur“ assoziiert werden, werden sie in Deutschland primär unter den Gesichtspunkten Sicherheit, Verlässlichkeit und Planbarkeit betrachtet. Diese Stabilitätsorientierung ist zwar funktional wirksam, kann jedoch langfristig zu einer Einschränkung wirtschaftlicher Anpassungs- und Innovationsfähigkeit führen.
Die Sorge vor Reputationsrisiken, Datenschutzverstößen oder Systeminstabilitäten kann dazu führen, dass digitale Innovationen nur langsam erprobt werden. Die Folge ist ein signifikanter Zeitverlust im digitalen Wettbewerb. Während internationale Anbieter Kundenerwartungen schnell bedienen und damit ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit eher unter Beweis stellen, verlieren deutsche Unternehmen mitunter Marktanteile an agilere Wettbewerber.
Sichtbar wird dies in internationalen Vergleichsstudien wie der Digital Economy and Society Index (DESI) der Europäischen Kommission oder Branchenanalysen von führenden Unternehmensberatungen. Bspw. liegt Deutschland bei digitalen Bankinnovationen im Mittelfeld. Zwar existieren Leuchtturmprojekte – etwa Kooperationen mit globalen Technologieunternehmen sowie FinTechs oder Innovationshubs großer Bankengruppen, doch verläuft der strukturelle Fortschritt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern vergleichsweise langsamer und selektiver. Der Einsatz neuer Technologien, etwa KI-gestützter Systeme, erfolgt in Deutschland in der Regel erst nach einer klaren regulatorischen Einordnung. Das Prinzip „Vorsicht“ dominiert.
Was heißt das für den praktischen Finanzalltag? Banken in Ländern wie Schweden, den Niederlanden oder Dänemark können die digitale Transformation deutlich schneller vorantreiben – Regulatorik und Offenheit der Bevölkerung machen dies möglich. Dies spiegelt sich auch im alltäglichen Konsumverhalten wider: In Schweden ist bargeldloses Bezahlen der Standard – so wird jeder zehnte Einkauf in bar bezahlt, währenddessen in Deutschland fast jede sechste Transaktion mit Bargeld getätigt wird. In Ländern wie Großbritannien oder Estland wurden bereits früh regulatorische Sandbox-Modelle eingeführt, die es Banken erlauben, neue Technologien im geschützten Rahmen zu testen - eine Praxis, die in Deutschland derzeit mit dem Reallaborgesetz (ReallaboreG) vorbereitet wird. Der Ausgang und die Nutzbarmachung für die Finanzindustrie sind jedoch noch ungeklärt.
Regulierung bremst
Doch selbst in Bereichen, in denen auf europäischer Ebene durch innovationsfreundliche Regulierung gezielt Impulse gesetzt werden, entfalten diese nicht immer die gewünschte Wirkung. Ein wesentlicher Grund hierfür kann das sogenannte deutsche „Goldplating“ sein: Regeln werden strenger ausgelegt als nötig. Das hemmt die Innovationskraft der Unternehmen und schwächt ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Wie innoviert man mit German Angst?
Deutschland – das Land der kulturell imprägnierten Bremser? Die German Angst ausschließlich als Standortnachteil zu bewerten, ginge eindeutig zu weit, doch ist Innovationsvorsicht nicht ausschließlich negativ zu bewerten. Sie schützt vor vorschnellen Fehlentscheidungen und signalisiert Kundinnen und Kunden Verlässlichkeit und Vertrauen. Um Risiken besser einzuschätzen zu können, können Innovationsprozesse, wie das „Responsible Innovation“ genutzt werden, indem in frühen Entwicklungsphasen geprüft wird, welche Folgen und Risiken mit der neuen Technologie verbunden sind – beispielsweise im Bereich Datenschutz.
Weitere Ansätze, um der „German Angst“ konstruktiv zu begegnen, könnten darin bestehen, Akzeptanz und Commitment zu schaffen. Die bewusste Anerkennung von Schwächen und Unsicherheiten ist kein Zeichen von Versagen, sondern schafft die Grundlage für Offenheit gegenüber Innovation. Wer die Realität nicht verdrängt, sondern achtsam wahrnimmt, kann Sorgen und Ängste artikulieren, ohne sie als Schwäche zu interpretieren. Damit können potenzielle Folgen aus bevorstehenden Veränderungen realistisch eingeschätzt werden.
Darauf aufbauend helfen Realitätstests. Statt sich von Worst-Case-Szenarien leiten zu lassen, sollten Risiken faktenbasiert geprüft werden: Wie wahrscheinlich ist ein Ereignis wirklich? Welche Belege sprechen dafür? Kognitive Umstrukturierungen fördern eine rationale Debatte und verhindern, dass Angst die Entscheidungsgrundlage wird.
Ebenso wichtig ist der Mut zur Konfrontation. Anstatt Vermeidungsstrategien zu verfolgen, können kleine Schritte – etwa Pilotprojekte, Innovations-Labs oder Sandboxen – helfen, Unsicherheit kontrolliert zu erproben. Diese „Safe Spaces“ schaffen Vertrauen und reduzieren Angst vor dem Unbekannten, was wiederum den gezielten Ausbau technologischer Kompetenzen und individueller Fähigkeiten erleichtert. Dadurch erhöht sich die Resilienz gegenüber Risiken und die Stärkung der Zukunftsfähigkeit.
Aus Erfahrungen lernen
„German Angst“ – wie konkret auch immer man diesen Begriff fassen möchte – lässt sich vermutlich nicht vollständig eliminieren. Sie ist ein Teil unserer kulturellen Prägung und hat uns an vielen Stellen Stabilität verschafft. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen es entscheidend ist, bewusst ins Risiko zu gehen und diese Stabilität zugunsten von Innovation zu riskieren, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Da es sich auch um kulturell gewachsene Muster handelt, lassen sie sich nicht einfach abstellen. Es bedarf einer schrittweisen Konfrontation, um diese Muster zu verändern.
Dort, wo Risiken eingegangenen und die daraus gewonnenen Erfahrungen reflektiert werden, entsteht Wissen. Wenn Deutschland den Mut findet, gewohnte Vorsichtsreflexe zumindest probeweise zu überschreiten und aus den entstehenden Erfahrungen zu lernen, wird aus der möglichen kulturellen Tendenz ein strategischer Vorteil.
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Tobias Tenner
Leiter Digital Finance
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